kontext_files | Zu Gast im Automaten
Shownotes
Das Restaurant ist ein zentraler Ort der modernen Metropole. Hier wird der Mensch zum Großstädter. Wer bin ich? Wer will ich sein? Wen will ich treffen?
Im Restaurant begegnen die Metropolenbewohner aber nicht nur sich selbst. Sie erleben auch neue Technik. Technologie im Restaurant ist immer Technologie als soziales Experiment. Um 1900 war das Automatenrestaurant ein solches neues kulinarisch-technologisches Experimentierfeld. Brötchenautomaten stillten den Hunger. Bierautomaten löschten den Durst. 10 Pfennig genügten. Rasch – Zwanglos – Gut!
Im Gastraum des Automatenrestaurants wurden zentrale Fragen der Ordnung der modernen Gesellschaft verhandelt: Wer ist Konsument? Und was ist Konsumobjekt? Welchen Wert hat Anonymität? Wie automatisch wollen wir leben? Und was verstehen wir unter Komfort? Hinter den Automaten organisierte das Restaurant den Maschinenraum der Gesellschaft neu. Wer schmiert die Brötchen und zu welchem Preis? Wer putzt die Automaten? Wessen Arbeit wird überflüssig? Und wer wird hinter der Maschine unsichtbar?
Die Geschichte des Automatenrestaurants ist eine Technikgeschichte der Ernährung, des Alltags und der Urbanisierung. Als Ort des Zusammenkommens und als Ort der Selbstbeobachtung erzählt das Automatenrestaurant aber auch eine Geschichte über die Hoffnungen und Sehnsüchte, Antriebs- und Fliehkräfte der Moderne.
Dieser Vortrag entstand im Kontext der DT-Inszenierung [Automatenbüfett](https://www.deutschestheater.de/programm/produktionen/automatenbuefett)) im Programm der Spielzeit 2025/26 von DT Kontext, dem Rahmenprogramm des Deutschen Theater Berlin.
Mehr Infos zu DT Kontext unter deutschestheater.de/dtkontext.
Transkript anzeigen
00:00:12:
00:00:21: Das Restaurant ist ein zentraler Ort der modernen Metropole.
00:00:25: Hier wird der Mensch zum Großstädter.
00:00:28: Wer bin ich?
00:00:29: Wer will ich sein?
00:00:31: Wen will ich treffen?
00:00:33: Im Restaurant begegnen die Metropolenbewohner aber nicht nur sich selbst, sie erleben auch neue Technik.
00:00:39: Technologie im Restaurant ist immer Technologie als soziales Experiment.
00:00:45: Um nineteenhundert war das Automaten-Restaurant ein solches neues kulinarisch technologisches Experimentierfeld.
00:00:53: Brötchenautomaten stillten den Hunger, Bierautomaden löschten den Durst – zehnfennig genügten, rasch zwanglos!
00:01:03: Gut Die Geschichte des Automatenrestaurants ist eine Technikgeschichte der Ernährung, des Alltags und der Urbanisierung.
00:01:11: Als Ort des Zusammenkommens und als Ort der Selbstbeobachtung erzählt das Automatenrestaurant aber auch eine Geschichte über die Hoffnungen und Sehnsüchte, Antriebs- und Fliehkräfte der Moderne.
00:01:23: Alvin Kubasch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Excellence Cluster Matters of Activity.
00:01:30: Sein Forschungsschwerpunkt ist die Technik Umwelt und Wissensgeschichte der modernen Ernährung.
00:01:37: Nach einem Bachelorstudium, Philosophie und Kulturwissenschaften an der HU Berlin studierte er im Master Wissenschafts- und Technikgeschichte an der TU Berlin.
00:01:47: Seine bei Wachsmann erschienene Studie zur Geschichte der Automatenrestaurants wurde mit dem Conrad Machospreis, zwei Tausendfünfundzwanzig für Technikechichte des VDI ausgezeichnet.
00:01:59: Der Vortrag fand am vierten April, zweitausendsechsundzwantzig in Kontext von Automatenbuffet statt.
00:02:12: Ja, vielen herzlichen Dank Christian.
00:02:13: Vielen dank für die Einladung hierher!
00:02:15: Vielen dank liebe Gäste dass sie alle gekommen sind.
00:02:17: Vielen Dank das Sie alle da sind zu diesem Kontext Vortrag und wir starten auch gleich mit ein bisschen Kontext heute Abend.
00:02:24: Mit zwei Zitaten wollen wir in diesen Abend über Automatenrestaurants starten.
00:02:31: Am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts grummelt es im deutschen Meegen.
00:02:55: Die Produktion von Wurstwaren aller Art kennt kein Land in diesem Umfang wie unseres.
00:03:01: All das steigert natürlich das Fleischangebot für den kleinen Mann.
00:03:06: Weiter schreibt er, dieses Überhand neben kalter Küche dieser Mangel an einer wirklichen Zubereitung der Speisen führt zu einem Verfall der normalen Ernährung überhaupt.
00:03:15: Brot, Butter, Wurstwaren bilden vielfach ein sehr erheblichen Teil der Kost.
00:03:21: die eine oder andere Mahlzeit fällt oft aus und das Essen wird rasch und flüchtig ambulando besorgt.
00:03:31: Ein Weltkrieg später und mitten in den vermeintlich goldenen Zwanzigern erfüllen die Trinkgewohnheiten der Deutschen, einen jungen Doktoranden der Ökonomie Hermann Jaiter hier in Berlin mit ähnlichem Unbehagen.
00:03:41: In seiner Dissertation schreibt er Stehbierhalle-und Esslokale wo man in aller Eile etwas genießen kann sind typisch für die moderne stetische Unrast.
00:03:51: Die Stammkneipe verschwindet es entsteht die Bierreise.
00:03:54: Mit Auto rast man von einem Restaurant das andere Restaurant in jene Schankstätten wodurch Verquickung von Kunst Alkohol, Musik und Liebesmarkt.
00:04:03: Der arbeitende und siegeunernde Weltstätte die Vorstellung höchsten Genusses
00:04:08: findet.".
00:04:09: So damit ist der kulinarische Rahmen für diesen Abend eigentlich schon ganz gut umrissen.
00:04:13: das geht heute um Wurstbrot und Bier.
00:04:16: Die beiden Zitate finde ich zeigen aber auch ein zentrales Problem der modernen Großstadt wie ernähre ich Millionen?
00:04:23: Und Berlin ist... Das müssen wir uns immer wieder klar machen um neue Stadt.
00:04:28: In den dreißig Jahren zwischen eighteen und neunundundundzehn leben in der Stadt eigentlich jedes Jahr mehr zugezogene Menschen als eingeborene Berliner und Berlinerinnen, das heißt die Stadt wächst dann natürlich total rasant.
00:04:41: Überall entstehen neue Stadtviertel, Fabriken und Infrastrukturen und es entsteht auch eine neue Dynamik, die sich ganz konkret im Alltag der Menschen merkbar macht.
00:04:49: Innerhalb kürzester Zeit müssen sie weite Distanzen zurücklegen um zum Beispiel zur Arbeit zu kommen.
00:04:54: Freunde, wenn sie die überhaupt schon haben, wohnen vielleicht in einem ganz anderen Stadtteil als Sie selbst.
00:04:59: Das heißt, die große Frage, die sich die Menschen damals stellen müssen ist wo es sich und wann habe ich überhaupt Zeit zu messen?
00:05:06: Eine ältere Strategie um damit umzugehen.
00:05:08: in Berlin zeigt uns hier der Maler Hans Baluszek Frauen und Kinder setzen sich in Bewegung und bringen das Mittagessen im großen Körben in die Fabrik.
00:05:15: Das funktioniert aber natürlich nur, wenn Sie Frau und Kinder haben und Ihre Frau zum Beispiel nicht selbst in der Fabrik arbeitet.
00:05:22: Was machen Sie nun aber wenn sie, wie viele neue Berlinerinnen zu dieser Zeit jung ledig und vielleicht nicht nur hungrig sondern auch ein bisschen einsam sind.
00:05:29: Wenn Sie neue Menschen kennenlernen möchten Freunde treffen möchten sich das erste mal wie eine Großstädterin fühlen möchten am Trubel der Metropole teilnehmen möchten.
00:05:37: irgendwie sind sie ja nach Berlin gezogen schließlich.
00:05:40: Vielleicht haben sie auch gar nicht viel Zeit zwischen ihren Terminen.
00:05:42: es muss also alles schnell gehen.
00:05:44: Es muss ohne viel Nachdenken gehen Am besten noch ohne Einkaufen kochen und Vorbereitungen.
00:05:48: Das heißt wo ernähren Sie sich?
00:05:49: Wo gehen Sie hin wenn Sie was essen wollen?
00:05:51: Sie gehen ins Restaurant.
00:05:53: Und das macht das Restaurant für mich zu einem dieser spannendsten Orte, der modernen Stadtchristen hat es gerade schon erwähnt.
00:05:58: Das ist also wirklich ein Ort an dem man nicht nur satt wird, sondern auch jemand wird im urbanen Kontext.
00:06:05: Wer bin ich?
00:06:05: Wer will ich sein?
00:06:06: Wenig will ich treffen im Restaurant?
00:06:08: Das sind alles Fragen die hier verhandelt werden.
00:06:10: Es ist ein Ort in dem sich soziale Rollen und Erwartungen verdichten.
00:06:14: So wer hier eintritt, der ist nicht nur Gast, sondern er muss sich auch positionieren gegenüber sich selbst und gegenüber anderen.
00:06:20: Und ganz wichtig, im Restaurant begegnen die neuen Metropolenbewohnern nicht nur an den Menschen sondern eben – das ist ja schon erwähnt – neuer Technik.
00:06:27: Wir denken da in Elektrizität, an Klimaanlagenkühl-, Anlagen-Tischtelefone zum Teil Aufzüge, Rolltreppen... Das sind alles neue Technologien, die sie das erste Mal im Restaurant erleben können.
00:06:37: Es ist also auch ein Ort wo man spielerisch mit diesen neuen Technologen in Kontakt treten kann, dass mal ausprobieren kann und es ist eben deswegen immer ein soziales Experiment.
00:06:46: Insofern Menschen wie sie essen oder kochen sich hier begegnen können und das auch technisch neu verhandelt wird jedes Mal, wie sich diese Strukturen ändern.
00:06:57: Und ein besonders radikales Beispiel wegen diesem radikalen Beispiel sind wir heute alle hier – für so einen Experiment ist es das Automatenrestaurant.
00:07:06: Jeiter nennt das also der Doktorand von gerade eben das Resultat der zitat steigenden Versachlichung aller gesellschaftlichen Beziehungen.
00:07:14: Das Automaterestaurant entsteht aus einer Kooperation des Köln-Kölner Schokoladenmagnaten Ludwig Stolberg und einem jungen Berliner Ingenieur, Max Silaf.
00:07:23: So etwa seit eightundandachzig fangen die beiden an im gesamten deutschen Reich an öffentlichen Plätzen tausende Schokoladenautomaten aufzustellen.
00:07:30: Da kommen dann schnell noch Zigarettenautomaten hin zu Musikautomateparförautomattenbriefmarkenautomarten eigentlich Automaten für alles was man so kaufen kann.
00:07:38: Und mein persönliches Highlight ist die sogenannten Elektrisierautomatens.
00:07:41: Ob Sie davon schon mal gehört haben das sind Automaten, die versetzen einem einen Schlag wenn man eine Münze einwirft als Scherz.
00:07:49: Der schafft es dann nicht in dieses Automatenrestaurant, aber die anderen natürlich so.
00:07:52: Und das Erste von diesen Automaten-Restaurants ist eröffnet aus der Billiner Gewerbeausstellung.
00:07:58: Nach dem Ende der Ausstellung – das war recht erfolgreich – zieht es in die Leipziger Straße fest.
00:08:03: Von dort breiten sich die Restaurants über das gesamte Deutsche Reich, Europa und die Vereinigten Staaten aus.
00:08:08: Zeitgenössische Pressestimmen zeigen sich begeistert!
00:08:11: Dieses modernste aller Restaurants, so schreibt die Norddeutsche Allgemeine Zeitung in dem Feinmechanik und Elektrizität an die Stelle Schwarz-Befragter Ganymede unter rauchender Küchenhofen treten.
00:08:21: Es ist ein zur Wirklichkeit gewordenes Tischlein
00:08:24: decktig.".
00:08:25: So also die norddeutscher Allgemeiner Zeitung!
00:08:27: Und während sich die norddausche Allgemene für die Innovation im Inneren begeistern kann, ist die deutsche Warte bereits vom Exteriör des Lokals überwältigt.
00:08:35: Sie teilt ihren Lesern mit schon die äußere Fassade gewährt einen herrlichen Anblick.
00:08:41: Über den Eingang prankt die in Glas ausgeführte Firmenschrift, welche allabendlich in verschiedenen Farben elektrisch geleuchtet wird.
00:08:52: Die Restaurants präsentieren sich dabei am feinsten Jugendstil – im Gastraum glänzten poliertes Margoni und Marmor.
00:08:58: Was für uns heute historisch und vielleicht sogar schon überladen wirkt war dafür damals eine gefälterste gestalterisch hochmodern signalisierte dass man das XIX Jahrhundert und seinen Historicismus ästhetisch hinter sich gelassen hatte.
00:09:12: eingetreten war und das signalisierte man durch diesen Jugendstil.
00:09:15: Das heißt, das Automatenrestaurant war vor allem Zukunftsrestaurants und das wollte es damit ausdrücken.
00:09:21: Auffällig ist wie ähnlich sich die Automaten-Restaurants innen und außen sehen – ich zeige Ihnen jetzt mal ein paar Händinnen da weg und gucken Sie mal ob sie die Unterschiede sehen!
00:09:28: Das sind nämlich standardisierte Erfahrungsräume.
00:09:31: Egal wo sie in Berlin in einen Automaten Restaurant gehen oder in Köln oder München oder Dresden oder Chemnitz, die Restaurants sehen von außen und innen eigentlich immer erst einmal gleichaus.
00:09:40: Schwups nächstes Das liegt daran, dass Stolberg und Silaf immer ganze Automatenrestaurants an Gastwürde verkaufen.
00:09:47: D.h.,
00:09:47: hier soll eine Marke mit Wiedererkennungswert erzeugt werden – warum sehen wir gleich?
00:09:51: Die zweite Auffälligkeit ist die weitgehende Abwesenheit von Sitzmöbeln.
00:09:55: Eigentlich gibt es hier nur Stehtische.
00:09:57: Das Automaten-Restaurant also kein Ort zum Sitzen oder zum Verweilen.
00:10:01: Anders als im gewöhnlichen Restaurant kommt das Essen aber auch nicht zu ihnen an den Tisch!
00:10:05: Sie müssen es sich selbst holen.
00:10:06: Selbst Bedienung.
00:10:08: Für uns heute selbstverständlich, um nineteenhundert ist das sensationell neu diese Idee der Selbstbedienung.
00:10:13: So als Gast und jetzt können wir mal gucken wie man sich darin bewegt so als Gast zirkulieren sie also entlang dieser Automatenwand.
00:10:20: Das Restaurant dreht sich nicht um Sie sondern sie sich um das Restaurant entlang der Wand wie auf eine Montageband sozusagen.
00:10:27: Sie montieren sich selbst als Kunde bis sie alles haben was sie essen wollen.
00:10:31: dann gehen sie schnell zum Stetisch rein mit dem Essen und dann wieder raus aus dem Restaurant.
00:10:36: Das Angebot sind dabei vor allem Bier und Brötchen.
00:10:39: Da sieht man hier ganz schön in den Fotos, wenn sie darauf geachtet haben.
00:10:41: rechts ist immer das Bier und links sind eigentlich immer Brötchens und kalte Küche.
00:10:46: Und damit machen die Restaurants auch Werbung.
00:10:47: wir wissen also von Lachsbrötchen die es da gibt von Hummerbrötchin aber vor allem von Schinkenbrötchern und Wurstbrötchanwärter ist gedacht.
00:10:54: Es hat einerseits einen ganz einfachen technischen Grund diese brötchen halten ganz gut für einen Tag im Automaten und sie passen auch ganz gut rein, sehr ungefähr die gleiche Form wie so eine Schokoladentafel oder eine Zigarettenpackung.
00:11:04: Das ist also man kann einfach die alte Technik weiter verwenden.
00:11:07: Es passt aber natürlich auch zu dieser Idee der Zirkulation im Selbstbedienungsrestaurant.
00:11:11: Das Brötchen kann das würde Rupner jetzt sagen, der Physiologieprofessor Ambulando eingenommen werden.
00:11:16: Das heißt wenn Sie gar keine Zeit haben dann nehmen es das Brötchchen einfach mit auf die Kralle und gehen direkt wieder raus.
00:11:22: Ich habe mal geguckt was man in einem Koch, was man damals von einem Brötchen in der Gastronomie so erwarten konnte, dass hier es aus einem Kochbuch für Gastronomen von Ninetehne und fünf.
00:11:32: Und das ist sicherlich das spektakulärste Beispiel aus diesem Kochbuch.
00:11:36: Das habe ich Ihnen mitgebracht.
00:11:37: Das können Sie auch gerne abfotografieren.
00:11:39: Wenn sie ganz mutig sind, können Sie das auch mal zu Hause nachbauen wenn das Ihr Kollesterinspiegel zulässt?
00:11:45: Ich lese mal schnell vor!
00:11:47: Eine Scheibe Brot wird mit Butter bestrichen und eine dünne Tranche Roastbeef, eine kleine Tranche Schinken, eine Tranche Kalbsbraten drauf gelegt.
00:11:55: Mindestens ein Braten muss dabei immer verwandt werden.
00:11:57: Wichtig, ne?
00:11:58: Darauf gibt man nun zwei Scheimpchen harte Wurst ohne Haut auf dieser ein halbes hartes Ei.
00:12:02: Auf letzteres wieder einen gerollte Sardellenfilet das mit Kaviar gefüllt ist.
00:12:07: Schräg gegenseitig garniert man nun mit Essigkurken, roten Rüben und Gelä.
00:12:11: Legt zwei rohe gleichmäßige Zwiebelringe vom Ei abwärts, bestreut mit Carpern und serviert!
00:12:17: Guten Appetit.
00:12:23: Jenseits solcher sehr appetitlichen Brötchen ist natürlich die Frage so was versprechen diese Restaurants eigentlich ihrer Kundschaft.
00:12:29: Die Konkurrenz in Berlin ist zu dieser Zeit riesig, es gibt Jahre da steigt die Zahl der Restaurants schneller als die der Einwohner und Einwunderinnen.
00:12:37: Und wenn wir in die Werbung der Automatenrestaurant gucken dann sehen wir immer wieder die gleichen Formeln rasch zwanglos gut bediene dich selbst kein Trinkgeld.
00:12:46: Das heißt für die Kundschaft, jetzt sind wir wieder am Anfang.
00:12:49: Für die Kundschaft verspricht das Automaten-Restaurant eine praktische Lösung der Probleme der Großstadt.
00:12:53: Der Gast muss hier wieder auf ein Kellner warten, noch sich in eine Tischordnung einfügen.
00:12:57: Er bewegt sich frei im Raum, entscheidet selbst über Auswahl und Zeitpunkt des Konsums – und das ist neu bleibt dabei weitgehend anonym.
00:13:03: Sie müssen mit ihm an einem sprechen.
00:13:06: Zeitministerische Stimmen betonen darüber hinaus die Überlegenheit der Technik.
00:13:09: Automaten gelten als sauber und zuverlässig.
00:13:11: Sie versprechen eine Form der Hygiene- und Standardisierung die dem menschlichen Service überlegen erscheint.
00:13:17: Es wirkt, als hätte keine Hand das Essen im Automaten angefasst.
00:13:21: Wir werden gleich sehen warum das natürlich quatsch ist aber die Kundschaft gab sich wohl ganz gerne dieser Illusion hin.
00:13:26: außerdem verlangt der Automat kein Trinkgeld.
00:13:29: dass vielen kurioserweise um nineteenhundert schon als Überbleibsel einer aristokratischen Vergangenheit erscheinend hat sich nicht viel geändert.
00:13:36: Kurz also, das Automatenrestaurant verspricht bei einem Teilnahmechancen an einer urbanen Zukunft.
00:13:41: Das ist einerseits ganz klare technologische Zukunft in der Konsumhygiene und Ernährung automatisiert sind aber es ist eben – und da sind wir beim sozialen Experiment – eine soziale Zukunft, in der sich jenseits von Standesgrenzen anonym schnell und ohne Verpflichtungen essen können bevor sie zum nächsten Großstadtabenteuer aufbrechen.
00:13:59: Die Hersteller der Automaten-Restaurants kurioserweise hoffen vor allem auf ein gutbürgerliches Publikum.
00:14:06: Männern in der Mittagspause des Büroalltags dienen oder abends für Geschäftsessen genutzt werden.
00:14:12: Auch Geschäftsreisende schweben den Hersteller als Kundschaft vor, das heißt egal in welcher deutschen Stadt der moderne Mann, der Staubsaugervertreter wie wir ihn heute noch kennenlernen werden aus dem Zug tritt.
00:14:22: er soll in Bahnhofsnähe so ein Automatenrestaurant finden dass immer die gleiche Qualität verspricht wie alle anderen Automaten restraus auch denen er vorher schon begegnet ist.
00:14:33: Wenn man sich aber dann ansieht, wer diese Orte tatsächlich nutzt, zeigt sich relativ schnell dass es auch von einem ganz anderen Publikum in Besitz genommen wird.
00:14:40: Das sind die sogenannten zehn Pfennigstückbesitzer wie Maxilow sie etwas abfällig nennt.
00:14:46: D.h.
00:14:46: neben den Durchreisenden finden sich hier vor allem auch Kleinbürger und spätestens in den neunzehnundzwanziger, neunziger, dreizigeren
00:14:52: auch
00:14:53: Angestellte aus dem großen Büro Palästen.
00:14:56: Wir hören einmal kurz in einem österreichischen Operettensong von siebenunddreißig, um uns der Perspektive dieser kleinen Leute zu nähern.
00:15:36: Gut, worum wenden wir?
00:15:37: Um einen Kuss, ja?
00:15:39: Nein.
00:15:40: Brauchen schon keine Mehlenspeis mehr!
00:15:43: Also ich fühle sich hinüber und sie werden staunen.
00:15:46: Das ist ein Betrieb da drüben, mein Hin und Her Und alles mit Tempo flott husch husch.
00:15:52: Ja heute haben die Leute selbst zum Essen nicht Zeit Aber mir ist das schließlich egal.
00:15:59: Wahrscheinlich wissen einem Schluck und dann hat man genug.
00:16:02: Dazu braucht man kein Luxuslokal.
00:16:05: Mein Stammlokalist und bleibt das Automatenbifee Denn das ist was für mein Portemonnaie Und mein Butterbrot kriegt man eine Suppe.
00:16:19: Das ist richtig zum Schunkeln, ne?
00:16:20: Sehr schön.
00:16:21: Und man kriegt auch direkt Hunger!
00:16:23: So und hier sehen wir natürlich hier das dieses Versprechen der Automatenrestaurant besonders also für kleine Angestellte attraktiv ist und gar nicht mal so sehr viel eine großbürgerliche Kundschaft.
00:16:31: Es geht schnell hush-hush es ist günstiger und vor allem zeitsparener bei jetzt mit der Straßenbahn nach Hause zu fahren um zu essen.
00:16:36: Das heißt dass Automaten Restaurant macht vor allem für kleine angestellten ein Angebot zur effizienten Alltagsbewältigung in der Großstadt.
00:16:46: kulinarisches Angebot, das ihrem Lebensgefühl entspricht.
00:16:50: All dieser Ballast der bürgerlichen S-Kultur, Kellner, soziales Gespräch, Gänge, Tischbesteck – das wird hier über Bord geworfen und man kann sich eben selber bedienen.
00:16:58: Das Automatenrestaurant zieht aber natürlich auch Gelegenheitsarbeiter an mitunter auch Bettler und Obdachlos.
00:17:02: Und es hat ganz klar mit der Struktur des Ortes zu tun, zehnfennig reichen für einen Bier oder ein Brötchen und darüber hinaus ist der Aufenthalt eigentlich minimal reguliert.
00:17:11: Sie können jederzeit gehen, sie können so lange bleiben wie sie wollen es gibt ja auch kein Personal.
00:17:15: das ist die Idee von diesem Automatenrestaurant um sie raus zu schmeißen.
00:17:19: Und diese Anonymität macht das Automaten-Restaurant interessanterweise auch für Frauen dieser Zeit attraktiv gerade weil sie nicht bedient werden und auch nicht angesprochen werden müssen.
00:17:29: Imgard Coin hat diesem neuen urbanen Frauntypus dem Kunstsein in Mädchen und seinem Lieblingslokal, dem Automatenrestaurant Quik in der Joachimsthaler Straße im Berliner Westen ein literarisches Denkmal gesetzt.
00:17:41: Da heißt es im Kunstseine-Mädchen oder sagt das Kunstseinedemädchen bei Imgard coin?
00:17:46: Und ich bin jetzt hier bei Quik!
00:17:48: Ich liebe ja Automaten so wahnsinnig.
00:17:49: Ich habe mir Krabben gezogen und einen westfälischen Speck.
00:17:52: Ich konnte meine gezogenen Brote gar nicht essen aber dass ist mir das Märchen von Berlin.
00:17:57: so ein Automat.
00:18:01: Wie viele Märchen und technologische Hochglanzprodukte hat aber auch das Automatenrestaurant eine etwas problematische Rückseite, den Automatenfüller.
00:18:09: Den sehen Sie hier unten links im Bild ich mache es mal kurz groß so da zwischen diesen Kästchen das sind die Automaten und dieser Bereich hier.
00:18:16: Das ist der Automaten-Füller.
00:18:18: Hier.
00:18:19: hinter dem Automaten arbeiten unsichtbar zu meist junge Frauen die Brötchen schmieren und die Automatten befüllen.
00:18:25: Automatisiert hatte das Automatonrestaurante nämlich nur den Verkauf aber nicht die Produktion seiner Waren.
00:18:29: Es spart teure, weil männliche Kellner und setzt in der Küche auf günstige ungelernte weibliche Arbeitskräfte.
00:18:36: Das waren die sogenannten kalte Küchemädchen – die hier!
00:18:40: Im Gastraum sind Kellnerinnen um nineteen Hundert eigentlich noch nicht so gern gesehen.
00:18:44: Ihnen haftet er Ruf der Animierdame an.
00:18:46: Das heißt lokale mit weiblicher Bedienung und entsprechend zwilligtigen Ruffahren insbesondere für bürgerliches Publikum eigentlich nicht betretbar.
00:18:52: Schmieren aber Frauen nun unsichtbar hinter den Automaten die Brötchen?
00:18:56: Ist das überhaupt kein Problem sie einzustellen und
00:18:58: einzusetzen?!
00:18:59: Das heißt, der Automat stabilisiert hier vor allem Geschlechter und Gehaltshierarchien durch Technik.
00:19:05: Insbesondere im amerikanischen Kontext kommen dann auch noch rassistische Hierarchien hinzu.
00:19:12: Neben dieser Unsichtbarmachung billiger Arbeitskräfte hatten die Automaten noch eine zweite Funktion Sie trennen nicht nur das Kunden von ihrem Geld sie trennen auch die Restaurantangestellten von den Einnahmen des Betriebs.
00:19:24: Wenn wir also in Patente- und Verkaufsprodukte und technische Zeichnungen wie hier rechts gucken, stellen diese insbesondere immer diese Funktion als Verkaufsargument für Automatenrestaurants heraus.
00:19:34: Es sind immer mehrere Hierarchie-Ebenen und Schlüssel trennen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von der Automatenkässe.
00:19:40: Kasse!
00:19:41: Das heißt, die Maschinen sind vor allen Dingen in technik übersetztes Misstrauen.
00:19:45: Und dann wird auch klar warum sich Gastwürte – nach dem Ersten Weltkrieg wohl v.a.
00:19:49: auch Gastwirtenen so ein Automaten-Restaurant sich zulegten.
00:19:53: Denn günstig sind diese Restaurants nicht.
00:19:55: von mittleres Restaurant kostet Vor dem ersten Welle kriegt knapp vierzigtausend Reismark, richtig opulente Etablismorstkosten auch gerne mal mehr als hunderttausende Reismarks.
00:20:04: Und das ist dann auch nur der Preis für die Automaten.
00:20:07: Da kommen noch Gebäude, Pachten zu Kücheneinrichtungen Betriebs- und Personalkosten.
00:20:11: Das müssen sie alles stemmen als Gastwirt.
00:20:13: D.h.,
00:20:13: die oft überschuldeten Automatenwirte standen unter einem hohen ökonomischen Druck das Kapital wieder reinzuspielen.
00:20:20: Warum machen tun Sie sich das also an?
00:20:22: Das Interessante ist neben diesen Personaleinsparung, die wir bisher sehen zählte vor allem Das versprechen totale Kontrolle durch Technik und System.
00:20:57: Das heißt, wie Automatenwürde ist so ein Automatenrestaurant versprechend auf Sorglosigkeit.
00:21:03: Weder muss man sich hier noch gut mit der Führung eines Restaurants auskennen, noch mit unzuverlässigen Personal herumschlagen – das fällt alles weg!
00:21:10: Dafür verschiebt sich die Rolle des Gastwürts.
00:21:13: Er wird jetzt Manager eines technischen Systems.
00:21:17: Dafür brauchen sie offensichtlich von der Restaurationsküche nicht so viel Ahnung.
00:21:20: Das heißt letzten Endes spielt ja das Prinzip «Wenn nichts wird, wird Automaten wird».
00:21:27: Was tun diese Menschen dann als Automatenwürde?
00:21:30: Wir wissen davon, dass diese Automaten-Würde vor allem – wie soll man sagen?
00:21:34: – täglicher Tagesablauf war.
00:21:36: wohl Buchführung, Füllstandsüberwachung, Kontrolle der Mechanik des Personals, Reinigung, Beobachtung der Gäste und das ist ganz wichtig Sicherung der Automaten gegen Manipulation.
00:21:45: Durch Bleiknöpfe zum Beispiel.
00:21:47: auch das werden wir heute noch sehen.
00:21:50: All das lieferten Gastwürte oder lieferden die Hersteller der Automatennestaurants interessierten Gastwörtern als Paket Als Produkt war damit das Automatenrestaurant selbst erst mal nicht zwingend an die Großstadt gebunden.
00:22:01: Es kann auch in die Provinz exportiert werden, etwa nach Saarbrücken sowie hier im Foto oder wie gleichem Theater nach Seebrücken.
00:22:08: Architekturtechnische Ausstattung und Werbesprache bilden letztendlich ein geschlossenes System, dass sich an unterschiedlichen Orten installieren lässt.
00:22:15: Und damit wird es dann auch möglich ein Stück großstädtischer Moderne auch in kleinen Städten verfügbar zu machen.
00:22:20: für die Betreiber Gäste bedeutet, dass dann eine Form der Teilhabe.
00:22:24: Ein Stück Großstadt zum Aufstellen in der Provinz.
00:22:27: Man kann also auch hier im Kleinen an der Moderne teilhaben und ihre Abläufe lernen.
00:22:32: Allerdings verschiebt sich mit dieser Übertragung natürlich auch der soziale Kontext.
00:22:36: Die anonym durch Bewegungen geprägten Strukturen der Metropole lassen sich möglicherweise nicht ohne Weiteres auf kleinere stärker überschaubare soziale Räume übertragen.
00:22:46: Spannung dafür wird der Abend heute handeln sind dann vorprogrammiert.
00:22:50: Ich muss sagen, es ist gerade diese Spannung.
00:22:52: Die machen für mich das Automatenrestaurant historisch so interessant?
00:22:56: vor dem Automaten.
00:22:57: Das haben wir im Vortrag gesehen.
00:22:58: Verhandeltes Automaten-Restaurant ganz zentrale Fragen der Ordnung der modernen Gesellschaft und ihrer Teilnahmechancen?
00:23:03: Wer konsumiert was mit wem und in welcher Weise?
00:23:05: Was erwarten wir als Konsument von Bedienungen?
00:23:08: und was verstehen wir unter Komfort und welchen Wert hat Anonymität?
00:23:11: Das sind alles Fragen die vor dem automaten verhandelt werden.
00:23:14: hinter dem Automaten, verhandelt das Automatenrestaurant den Maschinenraum unseres urbanen Soziallebens.
00:23:20: Wer führt welche Arbeiten aus und zu welchem Preis?
00:23:22: Wessen Arbeit wird mechanisiert und wessen Arbeit durch die Maschine unsichtbar gemacht?
00:23:28: Und damit... Um so ein bisschen rauszukommen aus diesem rein historischen Artefakt, würde ich sagen.
00:23:33: Die Geschichte des Automatenrestaurants ist nicht nur eine Geschichte der Technik oder des Alltags- oder der Urbanisierung.
00:23:38: Es ist vor allen Dingen auch eine Geschichte – oder einen Spiegel sozusagen – der Hoffnung und Sehnsüchte Antriebs und Fliegkräfte unserer Zeit.
00:23:45: Und das finde ich so schön, dass das Stück wieder auf die Bühne kommt von Anne Gemeiner, damit wir es heute zusammen sehen können.
00:23:50: Vielen herzlichen Dank!
00:23:51: Falls Sie jetzt schon Appetit haben?
00:23:52: Ich glaube, die Bar hat schon offen.
00:23:53: Ansonsten freue ich mich natürlich auf Ihre Fragen.
00:23:56: Danke schön!
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